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Wie gehen wir mit Fremdem um?

Ich beschreibe hier meine eigene Betroffenheit im Unbehagen, welches uns spätestens seit Herbst 2015 ergreift, die wir unsere Offenheit anderen Kulturen und Fremden gegenüber bislang eher als theoretische Größe auf unseren Fahnen trugen.

1956 habe ich als Sohn eines Handwerkers das erste Mal Armutsflüchtlinge erlebt. Damals kamen sie aus Italien, später Spanien, der Türkei und anderen Ländern, man nannte sie Gastarbeiter oder „Ittaker“. 60 Stunden die Woche war ihr normales Arbeitskontingent; wohnen ließ man sie in einem kleinen zum Zimmer ausgebauten Verschlag im Materialschuppen des Handwerksbetriebs, wo drei Männer zusammen Platz fanden; als Waschbecken diente ihnen der Ausguss, in dem die Maurerkübel gesäubert wurden.

Jetzt blühen im Bekanntenkreis, in der Nachbarschaft, beim Sport, auf Geburtstagsfeiern und in weiteren sozialen Gruppierungen Slogans auf wie jene: „so geht es nicht weiter, jetzt muss endlich Schluss sein mit der Gastfreundschaft, wie viele sollen dennoch kommen, die wollen uns nur alle islamisieren, es kommen verkappte Terroristen, wir können unsere Kinder nicht mehr auf die Straße lassen, sollen wir jetzt etwa alle Kopftücher tragen, dürfen wir im eigenen Land kein deutsch mehr sprechen?“.

Jetzt kann man die Augen nur noch schwer verschließen, denn fast täglich stößt man auf Situationen, die entweder Engagement oder Abschottung fordern. Viele gehen daran reaktionslos vorüber und wollen nichts zu tun mit dem, dessen sie Zeuge sind. Sie machen sich nicht klar, dass Ignorieren nur nicht Neutralität, sondern eine andere Form der Abschottung ist:

Ich fahre durchs Dorf und sehe eine Familie mit Koffern am Straßenrand im Regen stehen. Urlauber sonnenbaden auf einer griechischen Insel 100 m neben angeschwemmten Schwimmwesten und erschöpften Bootsflüchtlingen. Ein Schwarzafrikaner fährt bei Dunkelheit auf seinem klapprigen Fahrrad mit defektem Licht, weil er keine funktionierende Lampe realisieren kann. In der Nachbarschaft kampieren fünf einander fremde Männer in einem einzigen von der Kommune zur Verfügung gestellten Zimmer. Meine Autobahn führt in einem weiten Bogen über eine Zeltstadt im Schlamm, während ich musikhörend mit laufenden Scheibenwischern und 2,5 Grad-Anzeige im Display im Trockenen und Warmen sitze. Die Beispiele ließen sich unendlich aneinanderreihen.

Wer dem japanischen Spruch der drei Affen „nichts hören, nichts sehen, nichts sprechen“ nicht folgen will, kommt nicht umhin, eine eigene Haltung zu diesen Beobachtungen auf der einen Seite und der offen um sich greifenden Ablehnung des Fremden auf der anderen Seite zu entwickeln.

Ich fühle mich für die Kommentierung politischer Strategien weder berufen noch befähigt. Wie Staaten mit Migrationsbewegungen umgehen sollen und wie sowohl hier wie in den Herkunftsländern eine menschengerechte Lösung herbeizuführen sei, das ist eine Frage, zu der sich Berufenere äußern mögen.

Als jemand, der sich in einer Willkommensinitiative engagiert und Sprachunterricht für integrationswillige Flüchtlinge durchführt, sehe ich das Thema primär aus meiner persönlichen Betroffenheit. So will ich mich auf der zwischenmenschlichen Ebene und auf dem Hintergrund meines Weltbildes und meiner auch in anderen Bereichen meines Lebens geltenden Anschauungen dem stellen, was mir begegnet.

Indem ich diese Positionierung offen lege, will ich die Leser meines Internet Newsletter „www.gladiss.de“ motivieren, ihre eigene Haltung zu diesem wichtigen zeitgeschichtlichen Prozess zu entwickeln und zu sehen, wie viel das Flüchtlingsthema und unsere Reaktion darauf mit uns selbst zu tun hat. Nur Transparenz dazu ermöglicht uns, den Grad an Authentizität und Integrität zu wahren, der auch für den Erhalt unserer eigenen Gesundheit nötig ist. Dass Authentizität und Integrität elementare Bedingungsfaktoren für Gesundheit sind, habe ich in meinem Buch „Salutogenese – die Bedingungen des Gesundwerdens und Gesundbleibens“ ausführlich dargestellt.

Das Problem, vor dem wir heute stehen, ist vielschichtig, und wenn man es differenziert betrachtet und die Beurteilung nicht mit Stammtischspruchblasen enden soll, muss man viele Facetten bedenken.

     Wir leben wie „die Made im Speck“. Wir glauben und empfinden, die besseren und wertvolleren Menschen zu sein. Woher nehmen wir das Recht zu dieser überheblichen Haltung? Ich finde in meinem Weltbild keine Berechtigung, mich gegen jene zur Wehr zu setzen, die die Made nicht länger füttern wollen, sondern die jetzt - nachdem in ihrem Zuhause nichts mehr von den Ressourcen des europäischen Wohlstandes blieb - einen kleinen Teil des Specks zurückfordern, den sie zuvor leidvoll hatten liefern müssen.

     Wir ernten heute die Kollateralschäden, die die Entwicklung des Wohlstandes der westlichen Länder in den sogenannten Drittländern erzeugt haben.

     Die Zerstörung der heimischen Märkte, wo heute sowohl die Ausbeutung der dortigen Rohstoffe als auch Futtermittelanbau für Viehzucht im Vordergrund stehen und die Lebensmittel-und Wasser-Grundlagen für die Bevölkerung verdrängt haben. Umgesetzt wurde dieses unter anderem mit den Geldern der sogenannten Entwicklungshilfe, mit dem die heimische Geld-und Regierungsmafia gekauft wurde, die dann zum eigenen Profit die Lebensressourcen der einheimischen Bevölkerung ebenso gnadenlos verschleuderte wie sie zuhause über Leichen ging und geht und selbst die unterste Stufe von Menschenrechten mit Füßen tritt.

     Deutschland gehört bekanntlich zum drittgrößten Waffenexporteur der Welt. Die Rüstung fließt direkt oder mittelbar eben an jene korrupten Regierungen, aus deren Ländern oder Nachbarländern jetzt Menschen scharenweise fliehen. Der Satiresender NDR Info Intensivstation hat es treffend so dargestellt: Die Flüchtlingsproduktion gehorcht berechenbaren Formeln. Es gibt den Rüstungsexport- Flüchtlings-Korrelationskoeffizienten von 12,5; d.h. die kleinste Waffenlieferungsgröße erzeugt 12,5 Flüchtlinge. Steuergeld für die Flüchtlingsbewegung ist die Finanzierung der Folgen deutscher Rüstungsproduktion. So erzeugen wir berechenbar den Mindestsatz von Flüchtlingen, den unsere Wirtschaftsförderung mit sich bringt. Und wie jede Bewegung auch Sog-Effekte erzeugt, zieht diese durch Krieg und Armut entstandene Fluchtbewegung noch zusätzliche, unberechenbar große Folgen nach sich und vermehrt den Flüchtlingsstrom.

     Nach dem zweiten Weltkrieg endete die Serie von Kriegen im eigentlichen Abendland. Die Erkenntnis griff um sich, dass Stellvertreterkriege in Drittländern profitabler seien: Europa und die USA brauchten die Waffenproduktion nicht schmälern, die frühere Volk-ohne-Raum-Idee wich zugunsten dem Volk-ohne-Rohstoffe-Dogma. Überdies wurden in dritten Ländern in nie da gewesenem Ausmaß neue Absatzmärkte für jene Wirtschaftsgüter geschaffen, die man mit deren eigenen Rohstoffen auf billigste Weise hatte produzieren lassen.

     Die fundamentalistischen und uns anachronistisch erscheinenden Religionsaspekte wirken dabei nicht als Ursache, sondern als Transmission und allenfalls als Katalysator für die bezeichneten Prozesse.

     Digitalisierung der Informationsmedien und der weltweiten Kommunikation: Diese führte dazu, dass die in früheren Zeiten gegebene mentale Selbstständigkeit der Angehörigen der Dritten Welt (auch wenn sie uns nicht gefiel) und auch die daraus resultierende eigene Strategie zur Bewältigung des Lebens (auch wenn sie dem westlichen Diktum von Effizienz nicht genügte), die aber bis zum Beginn des Imperialismus bestanden hatten, durch die Digitalisierung vollends und sturzbachartig zusammenbrachen. Täglich infiltrieren heute geschönte und oft verlogene Informationen aus europäischen und amerikanischen Fernsehsendern und aus Internetforen die Hütten der Bewohner anderer Kontinente und erzeugen das Trugbild des Paradieses und den fantasievollen Sog der Wünsche dorthin. Entziehen können sich Hungernde und Arme einer solchen Made-in-Europe-Gaukelei nicht.

     Kaum ein Mitteleuropäer würde sich da anders verhalten; wären seine Lebensumstände schlecht, würde er nach Auswanderung streben. Ohnehin ist in Mitteleuropa ein derart hohes Anspruchsdenken entstanden und drückt sich u.a. in der Selbstverständlichkeit aus, mit der die Leistungen sozialer Sicherungssysteme fordernd genutzt und die Leistungen von Krankenversicherungen bis ins letzte Detail konsumiert werden. Alle Risiken des Lebens sollen durch Versicherungen und Schutzsysteme abgesichert sein, das betrachten Bürger als ihr gutes Recht.  Eigenverantwortlichkeit hat in erschreckendem Maße abgenommen.

     Menschen, die auf der einen Seite eine dergestalt ausgeprägte Versorgungsmentalität entwickelt haben und die auf der anderen Seite jenen die Tür verweigern, die nicht verhungern oder zu Tode gefoltert werden wollen, verhalten sich wie die in der Bibel der Christen beschriebenen Pharisäer.

     Befremdlich ist besonders im Advent, dass „Er“ (der heimatlose Jesus mit seiner Familie) in vorweihnachtlichen Spruchblasen willkommen geheißen wird und man sich empört, dass „Er“ nur in einem Stall Herberge fand, während gleichzeitig andere Heimatlose im gefrierenden Schlamm novemberlichen Nieselregens im Freien nächtigen sollen und ihr Areal mit Stacheldraht abzuschirmen sei.

     Viele jener, die sich heute gegen „kulturelle Überfremdung“ wehren und aggressive Parolen für repressive Abschottung auf Facebook veröffentlichen, bestellen dabei den Pizzalieferservice oder haben sich unterwegs einen Döner gekauft. In ihrem Selbstbetrug bemerken sie nicht, dass sie alltäglich von den Überfremdungseffekten aus der Integration der Flüchtlinge der Vorgeneration profitieren.

     Die Überalterung der westlichen Gesellschaft benötigt dringend jugendlichen Zuwachs.

Heribert Prantl aus der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung hat in seinem Büchlein „Im Namen der Menschlichkeit“ diese Aspekte und unsere ethische und moralische Verpflichtung eindrucksvoll dargestellt. Die Reduktion des Wertes Menschlichkeit hat mittelfristig immer auch jenen geschadet, die sich anfangs wohlfeilen Feindbildern hingaben. Sie selbst werden durch den Abbau von Liberalität und Humanität negativ mit betroffen.

Es wäre klug und menschlich und ethisch richtig, der aktuellen Flüchtlingsbewegung mit  Integrationsbereitschaft und Willkommenskultur zu begegnen. Und es ist falsch, sich abzuschotten und Militärstrategien an den Grenzen Europas und in etlichen Binnengrenzen zu etablieren.

17.11.2015
Dr. Karl Braun-von Gladiß